Freitag, 3. Februar 2017

Das Buch der deutschen Mutter (Nostalgie 1941)

Als wir im Sommer unser frischgekauftes (vollmöbliertes) Haus übernommen haben, mussten wir ja einiges an Haushaltswaren ausräumen. In einem der Schlafzimmer stand eine alte Wohnwand, die voll mit alten Büchern war und zwar richtige antike Schätze.
Und wer sich bereits beim DDR Babykalender nicht sattsehen konnte, wird auch bei diesen nostalgischen Erinnerungsstücken nicht wegsehen wollen.

Neben diversen Romanen hatte ich nämlich auch plötzlich "die Säuglingspflege" von 1945 in der Hand oder ein Werk von 1941 mit dem Titel "der deutschen Mutter"! Und was soll ich gross sagen? Inhaltlich sind die Tipps rund ums Baby wirklich sehr ähnlich zum DDR-Werk von 1980.


Aber Bilder sagen mehr als Worte oder?




Und deswegen zeig ich euch heute mal gleich das erste Werk:


Besonders interessant ist hier das Vorwort, weil der Titel ja ein Druckwerk aus Deutschland impliziert, obwohl es natürlich auch hier in Österreich verteilt wurde. Seit dem ersten Erscheinen im Jahr 1936 wurden in 5 Jahren ganze 82 Auflagen (?!) gedruckt und somit rund 820.000 Bücher dieser Art an deutsche Mütter verteilt....
Wenn man bedenkt, dass 1941 rund 800.000 Geburten verzeichnet wurden, war dieses Buch offenbar genauso beliebt wie der Babykalender der DDR.


Wofür war dieses Buch gedacht? Für Schwangere, Wöchnerinnen und zur allgemeinen Säuglingspflege.
"Möge das Buch in der Hand der deutsche Mutter Segen bringen und dazu beitragen, dass durch die Geburt von Kindern das Glück dauerhaft zu gestalten."


Und dann gehts erstmal seitenlang um den deutschen Patriotismus und warum es soooo wichtig ist, dass deutsche Frauen wieder mehr Kinder bekommen:

"Kinderlosigkeit bringt Armut, Not und Arbeitslosigkeit. Wenn Kinder fehlen, fehlen Verbraucher..
- Sie beschäftigen nicht nur Hebammen, Ärzte, Apotheker, Drogisten und grosse Teile unserer chem. Industrie
- sie brauchen auch Schuster und Schneider, Lebensmittel und Schulen, also Maurer und Zimmerleute, Steinsetzer, Tischler, Dachdecker, Maler
- sie brauchen Lehrer und Lehrmittel, also Papiermühlen und Buchdrucker, Buchbinder und Holzarbeiter,
- sie brauchen Spielzeuge
- sie beschäftigen ganze Industriezweige
- sie bringen Arbeit beim Handwerk
- sie schaffen Absatz in der Landwirtschaft
- sie befruchten unser ganzes Wirtschaftsleben."

Die grosse Erwerbslosigkeit (1932 - 7 Mill. Menschen) hat natürlich  auch zu einem Geburtenrückgang geführt und deutlich gezeigt: " Je mehr Kinder, desto mehr Verbraucher - je mehr Verbraucher, desto mehr Arbeitsplätze,  Arbeit und Brot!"


Eine 'Fortpflanzung' ist daher für alle pflichtverbunden, damit es nicht zu der Gefahr des Volkstodes kommt.
Und dann wird nochmal an die potenzielle deutsche Mutter appeliert 😂:
"Geben ist seeliger als Nehmen!" Der Sinn des Lebens einer Frau ist nämlich ein Kind! Tja wer hätte das gedacht...
"Uneingeschränktes, wahres Glück (weil Lebenserfüllung) ist: Paarung, Zeugung, Fortpflanzung."

Und dann gehts auch schon los: Schwangerschaft (kurz abgerissen) , die Geburt und dann das Wochenbett.


Offenbar war so eine persönliche Pflegerin (im Krankenhaus? ) ganz normal. Warum man täglich den Mund desinfizieren soll, ist mir nicht so klar... aber ok.

Tipps zum Neugeborenen sind natürlich auch immer interessant: gleich nach der Geburt gibts es erstmal eine obligatorische Tripper-Behandlung, da durch diese Geschlechtskrankheit früher schon rund 1/3 aller Babies das Augenlicht verloren haben.
Der 'neue Weltbürger' wird am ersten Tag ansonsten in Ruhe gelassen, Hunger hat er/sie nicht, weil der Magen ja noch voll ist und somit ist nur der Abgang des 'Kindspech' abzuwarten.


Natürlich ist auch hier eine strenge Zimmertrennung vorgesehen, damit die Mutter ihre Ruhe hat. Gestillt wird ja zwischen 23 Uhr und 6 Uhr eh nicht und deswegen muss der neue Erdenbürger aus diversen Gründen in sein eigenes Kinderzimmer.

Aber die Stillmutter wird auch zum Verzicht angehalten! Alkohol, Zigaretten und Kaffee waren schon 1941 verpöhnt. Stillen führt nämlich zu einem raschen Stoffwechsel und Stillmütter sehen immer erstaunlich frisch aus!!! Ja richtig gelesen: Geburt & Stillen zaubert Frische und rosige Wangen ins Gesicht...  Hier sei nochmal auf den männlichen Autor des Gesundheitsministeriums hingewiesen, der kennt sich ja offenbar richtig aus^^.
Das nächtliche Schreien des Kindes bringt nämlich jeder Mutter das seelige Glück und frohe Stunden, Tag für Tag. Da muss man einfach frisch und munter aussehen, wer kennt das nicht...


Die stark beanspruchten 'Unterleibsorgane' müssen geschont werden und da ist eine gesunde Ernährung und viel Ruhe ja wichtig. Vorallem dürfen die wichtigen Brustuskeln (Milchbildung!) nur nicht zu früh durch Arbeit beansprucht werden.

Die Ernährung des Säuglings und die Beikosteinführung wurde in diesem Ernährungsplan aufgelistet:


Wenn man bedenkt, dass die deutsche Mutter im Zeitraum 1936-1941 nur durchschnittlich  1,7 Kinder (pro Frau) zur Welt brachte, war jeder neuer Erdenbürger unverzichtbar. Um Mangelerscheinungen vorzubeugen, wurde daher schon im frühen Beikostalter (5/6 Monate) vitaminreicher Saft wie Karottensaft empfohlen.

Hier sieht man auch wieder diesen altmodischen Stillrythmus mit der langen Nachtzeit. Die letzte Stillmahlzeit ist selbst bei Neugeborenen mit 23 Uhr vorgesehen und siccherlich haben da viele Babies vor Hunger die ganze Nacht gebrüllt, weil es erst wieder um 6 Uhr Nachschub gab..

Es ist wirklich erstaunlich, wie oft und hartnäckig an solchen 'Ernährungs/Erziehungslehren' festgehalten wird und zwar um jeden Preis.

Abschließend gibt es noch einen Tipp für potenzielle Grossfamilien: " Mehrere Kinder erziehen sich leichter, denn Geschwister erziehen sich gegenseitig!" 😂
Die Frage nach der Anzahl der Kinder richtet sich wie so oft nach Einkommen & Vermögen, schließlich  will man den Kinder ja später  auch etwas hinterlassen. Und für diese Erbschaft soll ja auch am Ende etwas vorgesorgt sein.



Und nun kommt endlich mal der deutsche Vater ins Spiel. Da der Staat kinderreiche Familien fördert, kann der Haupternährer zuversichtlich sein. Und überhaupt bringen 4 Kinder mehr Lebensglück als 2! Eine Grossfamilie ist also Pflicht.
Übrigens freuen sich die Kinder dann auch über viele erbgesunde Geschwisterchen...


Linktip:
Wer gerne durch solche nostalgischen Werke stöbert, ist sicherlich Vongestern (Blog) 😉


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