Montag, 18. Januar 2016

Geschlechtertrennung & Spielzeugwahn


Wer als Elternteil schon mal länger als 5 Minuten in einem Spielzeuggeschäft verweilt hat, wird schnell eingelullt und findet sich sofort in zwei getrennten Welten wieder. Auf der einen Seite findet man nur rosa Glitzerkram mit Puppen und auf der anderen Seite die Action-Abteilung für Jungs. Dazwischen gibt es fast nichts.
Trotz aller Aufklärungsarbeit, Gleichberechtigung bei der Jobauswahl, Frauenquote und Genderneutralität, arbeitet die Spielzeugbranche immer noch mit den typischen Geschlechterklischees. Und genau diese werden strikt eingehalten und stets farbtreu durchgesetzt.



Warum das aber für die Entwicklung der Kinder eher problematisch ist, sehen die wenigsten auf Anhieb.



Gender-Marketing

Obwohl man meinen könnte, dass sich jedes Kind frei entwickeln kann und stets die Wahl hat, was gekauft wird, ist das nur eine Traumwelt. Nicht nur die Werbung, sondern auch wir Eltern beeinflussen unsere Kinder meistens indirekt im Alltag.
Für uns selber fordern wir gleichberechtigte Jobs und die Freiheit, dass zu tun, was wir gerne machen wollen. Aber Kinder werden schnell wieder in alte Rollenmuster gedrängt:

  • Kleine Mädchen werden adrett angezogen und mit rosa Schleifchen in den Kindergarten geschickt. Auf dem Spielplatz sollen sie sich bloß nicht dreckig machen und zu Hause dann unbedingt um ihre Puppe kümmern. Weiteres Mädchenspielzeug steht bereit!
  • Das (oberflächliche) Lebensmotto für kleine Mädchen lautet alzu häufig: Hübsch machen, Gefallen und andere häuslich umsorgen.
  • Kleine Jungs dürfen hingegen ihre agressive und kriegerische Ader ausleben: Actionhelden wie Superman oder Spiderman kämpfen gegen das Böse; die Polizei und Feuerwehr sind Helden im Alltag; mit dem Mini-Werkzeugkasten kann man alle Probleme zu Hause lösen. 
  • Das typische Motto ist also: Beschützen, Stark sein und die Familie ernähren
Willkommen im Jahr 1950!


Als wir vor 2 Jahren das Kinderzimmer der kleinen Prinzessin^^ eingerichtet haben (rosa, orange), war ich eigentlich sicher, dass wir später (mit weißen Möbeln) farblich noch viel herausholen können. Ein anderes Farbthema auswählen und das Zimmer evtl. farblich neutraler gestalten können.
Mittlerweile schaue ich mir oft Einrichtungskataloge usw. an und muss immer wieder bemerken, dass dem nicht so ist. 
Es gibt nämlich vorwiegend nur rosa Traumzimmer (Pferde, Prinzessin oder Fee?) für Mädchen, alle andere Themen wie Aquarium, Piraten (& Bett als Schiff), Dschungel, Fussball, Cowboys kann man nur als Jungsdeko (inkl. Schwerter usw.) kaufen. Es wird hier also schon stark unterschieden, wenn nicht sogar vorgeschrieben, welches Thema zu wem passt. Bei der Kleidung für Kleinkinder ist das ja nicht anders.



Shopping-Wahn:
Und wir Eltern haben da nicht wenig Schuld dran, denn sein wir doch mal ehrlich: Was kauft man eigentlich mit dem Nachwuchs ein?

  •  Mädchenspielzeug (Rosa, Glitzer, Rot, Orange)
    • Puppen als Feen, Prinzessinnen,
    • rosa Ponys
    • Girly Party inkl. Schmuck und Makeup
  • Jungsspielzeug (Blau, Grün, Schwarz)
    • Autos, Traktoren
    • Feuerwehr, Polizei
    • Superman & Spiderman

Die meisten Mütter kaufen mit ihrer Tochter auch passendes Spielzeug ein (was niedliches, was farblich abgestimmtes), meistens im rosa Design. Wenn aber die Väter mal alleine mit der Tochter shoppen sind, sieht das gleich ganz anders aus (erst recht wenn es das einzige Kind ist). Männer wollen gerne etwas Praktisches kaufen, was man verwenden kann (und nicht nur schön aussieht).

Umgekehrt läuft das ähnlich ab. Der Vater mit dem Sohn kauft natürlich was Technisches: eine Rennbahn oder ein Fahrrad. Mütter sehen den Shoppingtag mit dem Sohn wieder eher praktisch: Er braucht neue Bettwäsche (ok mit Superman) oder Turnschuhe (mit Spiderman).

Und warum das ganze? Weil wir Erwachsenen bestimmte Rollen für unsere Kinder im Gedächtnis haben. Und wir wissen auch ganz genau, mit welchen Sachen wir unser Kind nicht spielen lassen wollen. 
- Mädchen sollen keine martialischen Spiele sehen, usw.
- Jungs sollen keine pinken Sachen tragen (= werden sonst später schwul^^)


Aber ist das wirklich so oder plagen uns da uralte Geschlechterrollen??

Eine interessante Geschichte hat sich in 2012 in Amerika in einer Vorschule abgespielt. Während sich der 5-jährige Sam im Schuhgeschäft absolut in diese rosa Treter verliebt hat und kaufen musste, spielten die Erwachsenen in seiner Umgebung total verrückt.
Zuerst wollte ihn die Verkäuferin von den rosa Schuhen abraten und lieber welche mit Tarnmuster verkaufen. Dann wollte auch seine Mutter andere Schuhe aussuchen, aber Sam blieb bei seiner Wahl.

Den ersten Tag in der Vorschule wird er wohl nie vergessen, schließlich tauchte er dort mit seinen neuen Lieblingsschuhen auf. Und siehe da: Die Kinder waren echt baff, die Mädchen beglückwünschten ihm zu seiner Wahl und nicht ein einziges Kind hänselte ihn deswegen.
Dieses Foto brachte dann bei Facebook die Verwandschaft zum Überkochen. Schließlich sind rosa Schuhe absolut falsch für einen Jungen und das könnte ihn sozial ausgrenzen oder sogar schwul werden lassen. Interessant oder?


 

Nachdem sich so viele Erwachsene über das Thema aufgeregt hatten und auch mal Sam befragt wurde, kam eine recht pragmatische Sicht zum Vorschein. 
Er wollte die Schuhe nämlich nicht haben, weil sie pink sind, sondern weil sie ein Zebramuster haben! Und Zebras sind seine Lieblingstiere  ;-)

Und was sagt das über eine Gesellschaft aus? Wenn eine Gruppe Vorschüler erstmal ein paar Erwachsenen beibringt, was Menschlichkeit ist....



Entwicklung & Zukunft
Ein freies Selbstbewusstsein kann erst entstehen, wenn wir die Kinder so leben lassen, wie sie es sein wollen. Ohne Stereotypen, ohne Zwang und Vorschriften.

  • Mit dem aktuellen Spielangebot lernen Mädchen aber nur eins: Wir sind das schwache Geschlecht und kümmern uns später um Haushalt und Kinder. Frauen wollen später Sicherheit und ein schickes Heim.

  • Jungs wissen dagegen schon früh, dass sie Feuerwehrman oder Polizist werden wollen, aber ganz sicher kein Baby füttern & windeln. Männer sind nämlich sehr wettbewerbsorientiert, wollen sich vergleichen und messen, von Kindheit an.


Aber leider ist das eher schädlich für Kinder: Alle Fähigkeiten, die man im Kindesalter nicht spielend erlernt, fehlen später im Erwachsenenalter.

Jeder kennt doch irgendeinen Erwachsenen, der sich tierisch aufregt, weil er mal das Klo putzen soll oder seine Wäsche wegpacken muss. "Das sind doch Frauenarbeiten!", hört man dann empört und ist sich gleich klar, dass in seiner Kindheit eine starke Rollenverteilung stattgefunden hat.



"Durch die frühe einseitige Prägung werden große Chancen verschenkt." sagt Prof. Dr. Maria Anna Kreienbaum (Erziehungswissenschafterin) Link
"Die Welt ist aufgeteilt in Puppenecken und Bauecken, aber wäre es nicht viel schöner, wenn potenziell jeder Mensch renovieren und kochen, gut Autofahren und Kinder erziehen könnte?"



Was wir als Eltern unternehmen können:

  1. Jedes Spielzeug (ob Lego oder Puppe) ohne Vorbehalt und mit der gleichen Begeisterung anbieten
  2. Kinder nicht nur aufgrund Äußerlichkeiten (Mädchen) oder Wettbewerbsfähigkeit (Jungs) loben
  3. Geschäfte unterstützen, die genderneutrales Spielzeug (und Werbung) anbietet. Beispiele









Bei uns ist der erste Schritt getan. Wir haben mittlerweile auch die Spielsachen zu Hause, die in der Spielgruppe trotz der ganzen Farbtrennung interessant sind (für Mädchen): Fahrzeuge, Flugzeuge, Werkzeug usw.



Es muss nicht alles rosa sein, um Spass zu machen ;-)

1 Kommentar:

  1. Hallo :( Ich bins, taso1985 aus dem Babyforum :) Ich dachte mir ich schau mal auf deinen Blog und ich finde ihn gut! Gerade dieses Thema mit der Geschlechterrolle finde ich sehr interessant da ich selbst mit einer Frau in eingetragener Partnerschaft lebe und wir jetzt eine Tochter haben ;) Die Oma meiner Frau meinte in der Schwangerschaft nur: Was macht ihr wenn ihr einen Jungen bekommt? Wir waren geschockt und haben geantwortet: Naja, ihn genauso lieben wie wir unsere Tochter lieben würden! Nunja, jetzt haben wir eine Tochter und die Oma ist erleichtert :) Als ob wir nicht beide Geschlechter großziehen könnten?! Wir hoffen, dass wir auch mal einen Jungen bekommen :) In der Erziehung werden wir keine Unterschiede machen! Egal ob Mädchen oder Junge - beide dürfen ins Ballet gehen oder Fußball spielen. Beide werden sowohl mit Puppen als auch mit Lego und Autos groß werden ...

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Sag was, ich beiße nicht ;-)

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